Villa Stuck

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Villa Stuck

Ich besuchte heute (26.12.2008) die Villa Stuck. Sie befindet sich wohl in einer der vornehmsten Nachbarschaften in München. Schon bei der Hinfahrt mit dem Fahrrad kam ich an vielen schönen, großen Villen und Häusern vorbei. Die Trambahn in der Mitte der Ismaninger Straße, der Wiener Platz mit den kleinen Marktständen und die sich entlang schlängelnden Straßen stimmten mich schon auf den Blick in die Vergangenheit ein. Überhaupt herrscht in dieser Gegend eine offene, kreative Atmosphäre. In der Nähe befindet sich z.B. auch das freie Musikzentrum München, welches ein großes musikalisches und tänzerisches Forbildungsprogramm anbietet. Dieser Teil von Haidhausen, in dem die Villa Stuck steht, befindet sich auf einer Anhöhe. Nicht weit davon entfernt fließt unterhalb davon die Isar. Diese Lage ist geradezu perfekt für eine Villa in diesem Stil. Schon vor der Villa fühle ich die Erhabenheit über ganz München. An so einem Ort ist Platz für große Ideen und Kreativität.

reitende Amazone

Am Eingang kommt mir kraftvoll eine Statue einer reitenden Amazone entgegen. Sie holt gerade zum Speerwurf auf. Die Kraft dieser Frau lässt mich staunen. Sie strotzt vor Mut, Willenskraft und Stärke.

Ohne Vorkenntnisse gehe ich in das Haus. Die Vorhalle begrüßt mich hell. Ich fühle mich gleich wohl. Im Boden, den Wände und der Decke dominiert weiß. Stuck achtete auf Details und Helligkeit. Viel Licht kommt durch die Fenster an der Seite. Obwohl es schon hier viel zu sehen gibt, ist es nicht unruhig. Ganz im Gegenteil, es wirkt aufgeräumt und klar. Ich brauche einige Zeit, um diesen Raum zu erforschen. Schon hier spiegelt sich Stucks Liebe zur Antike und seine Auseinandersetzung mit ihr wider. Der Vorraum ist sehr einladend für mich, und die Freude auf die nächsten Räume steigt.

Als nächstes gehe ich in den Musiksalon. Es ist ziemlich dunkel hier. Es gibt sehr viel zu entdecken. Durch das Deckengemälde, welches sich mit den Tierkreiszeichen im Nachthimmel beschäftigt, habe ich den Eindruck, gar nicht in einem Raum zu sein. Ich drehe mich immer wieder, um alle Schriftzüge zu lesen und den Eindruck des Raumes einzufangen. An den Wänden tanzen Menschen, Tiere sind da, um der Musik zu lauschen. In diesem Raum bewegte ich mich wohl am meisten hin und her. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dort getanzt oder gesungen und musiziert wurde. Der Raum regt bei mir Lust zum Tanzen an. Viele Bilder tauchen vor meinem inneren Auge auf. Ich experimentiere in meiner Fantasie mit Melodien, zu denen sich die Tänzer auf den Bildern bewegen könnten. Der Raum ist wie ein „geheimer“ Ort, der nicht jedem zugänglich ist, obwohl jeder ihn betreten kann. Nicht jeder kann ihn verstehen. Ich fühle mich auch geschützt und abgeschotteter. Hier verweilte ich einige Zeit.

Die nächsten Räume gehen offen ineinander über. Sie sind hell und machen Spaß. Die klare Anordnung wirkt nicht zu streng, da es Stufen und Abwechslung in der Raumführung gibt. Auch hier fühle ich mich sehr wohl. Der Parkettboden knarzt, wenn ich ihn betrete. Ich bin beeindruckt von der Größe und Helligkeit der Räume. Trotzdem ist hier alles sehr menschlich und direkt. Obwohl großer Wert bzw. viel Geld in dieser Villa steckt, verstehe ich so gut, dass hier der Mensch, Mensch sein darf. Es gibt nichts Unantastbares oder Ehrfürchtiges. Hier lebten Menschen, die Mensch-Sein forderten.

Die aktuelle Ausstellung Franz von Stucks, die noch bis in den Januar 2009 in der Villa Stuck zu sehen ist, lebt aus der Menschlichkeit. Mir begegnet Erotik, Lust, Freude, Tod, Kampf, Trauer, Verzweiflung, Abgründe, Haß, Verrücktheit, Naivität, Sehnsüchte, Fantasien usw. Stuck fängt Themen in seinen Bildern ein, die wohl vielen Menschen unangenehm sind. Er zeigt, was den Menschen ausmacht. Er zeigt das, was viele nicht wahrhaben möchten. Er spricht Tabus an und holt religiöse Darstellungen von Jesus zurück in das wahre Leben. Stuck hatte keine Angst hinzusehen und das Gesehene festzuhalten.

Ich erlebe in den Räumen genau diese Akzeptanz zum Mensch-Sein. Auch spüre ich, wie wichtig es ist, sich seine eigene Umgebung so „exzellent“ wie möglich zu gestalten. Wenn man sich selbst als Mensch kennt, kennt man alle Höhen und Abgründe. Das Schöne und Hässliche trägt man in sich, mit dem Wissen, dass es da ist. Stuck schaffte sich mit diesem Wissen ausdrucksvolle Orte in diesem wunderbaren Haus. Er lebte sein Wissen, dass er sich diesen Platz nehmen kann! Ich nehme nichts Arrogantes wahr, es ist wunderbar klar und sehr inspirierend.

Weblinks

Sina Holmer, 28.12.2008