Sufis

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Sufis: Einführung

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Der pfadlose Weg der Sufis

Als "Sufis" bezeichnet man zumeist die Mystiker und Wahrheitssucher im Bereich des Islam bzw. des vorderen und mittleren Orients; man kann das Wort aber auch völlig kultur- und religionsunabhängig und abgelöst von geographischen Lokalisierungen benutzen. Der Sufi strebt zur Erkenntnis der wahren Wirklichkeit jenseits äußerer Erscheinungen und Anhaftungen. Die äußeren Gestaltungen und Formen des Lebens betrachtet er als Gleichnisse für eine tiefere Wahrheit, die mit dem Selbst zu tun hat, und zwar gleichermaßen mit dem Verleugnen wie dem Wiederfinden des Selbst. Hier spielt das Herz eine entscheidende Rolle — nicht das Herz als Organ oder als Sitz bloßer Emotionen, sondern das Herz als innere Wahrheit, wie sie sich auch in Gewissensregungen äußert.

Die Wiederbesinnung auf diese - von Alltagsmenschen allzu oft verleugnete und verratene - innere Instanz nennt sich auch der Pfadlose Pfad der Sufis. Da der normale Mensch aber mit seiner eigenen konditionierten Persönlichkeit, d.h. seinen Denkmustern, Gefühlen, Empfindungen und Wünschen, aber nicht zuletzt auch mit seinem Stolz und seinem Charakterpanzer derart stark identifiziert ist, daß er sich aus eigener Kraft unmöglich daraus wieder befreien kann, benötigt er Unterstützung von außen. Als Führer auf diesem Pfad zurück zu sich selbst dient in der Sufi-Tradition der Meister.

Aufgabe des Meisters (auch Lehrer genannt) ist es nun, den Sufi-Schüler auf dessen Falsches Selbstbild aufmerksam zu machen und ihn zurück zur Unterscheidungfähigkeit zwischen Selbsttäuschung und Wahrheit zu führen. Auf dem Pfadlosen Pfad ist nicht vorauszusehen, welche Aufgaben und Hinweise ein Sufi-Schüler braucht, sondern das ergibt sich aus den Gegebenheiten der jeweiligen falschen Persönlichkeit des Schülers, die bei jedem Menschen völlig unterschiedlich sind. Befähigt wird der Meister zu seiner Rolle dadurch, daß er diese Erfahrungen bereits selbst durchlaufen hat und daher die Stationen des Weges aus eigenem Erleben kennt.

Die Funktion von Gehorsam

Gehorsam ist für den modernen Zeitgeist ein unerwünschter Begriff. Dies hängt auch damit zusammen, daß Gehorsam ein mächtiges Tabu geworden ist, denn der heutige Mensch ist zu einer weitgehend durchkonditionierten Marionette geworden und besitzt in der modernen Zivilisation nur noch ein verschwindendes Maß von innerer Unabhängigkeit und Selbstbestimmung — das darf ihm aber keiner sagen, und vor allem darf man ihm nicht erklären, wie seine Alternativen aussehen könnten.

Gehorsam dem Sufi-Meister gegenüber läßt sich vergleichen mit dem Gehorsam gegenüber einem Arzt, der einen von einer tödlichen Krankheit befreit. Dieser Gehorsam ist zeitweilig und phasenweise unverzichtbar, weil der Schüler nicht einschätzen kann, was an ihm echt und was falsch ist — andernfalls könnte er sich nämlich gar nicht auf die von ihm noch nie erlebte Alternative einlassen, Dinge einmal völlig anders zu sehen und neue Handlungsweisen zu erproben.

Zu solcher Art Gehorsam sind nur wirklich reife Menschen fähig, die bereits ein gewisses Maß an eigener innerer Wahrhaftigkeit und Stärke erreicht haben. Nur sie sind bereit, Sufi-Schüler zu sein und die vom Sufi-Meister gezeigten Entlarvungen ohne schroffe Aversion anzunehmen. Es geht bei der Sufi-Schulung letztlich, genau wie im Leben, um Hingabe im Sinne von Vertrauen.

Ohne die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen, bleibt der Schüler im Sumpf stecken, denn er wird immer nur seinen eigenen Mustern und Automatismen folgen. Jeder Neuling auf dem Weg der Selbsterkenntnis sitzt zu Anfang noch fest im Käfig seines falschen Selbstbildes eingekerkert — er wird automatisch dahin tendieren, zu denken, er wäre im Recht und der Sufi-Lehrer würde sich täuschen. Besonders für einen störrischen Schüler ist es anfangs sehr schwierig, zu akzeptieren, daß die Hinweise und Aufgaben des Meisters von größter Wichtigkeit sind, weil er nicht einsehen kann, was für ein tieferer Zweck sich dahinter verbirgt. Oft ist er von den Hinweisen des Meisters tief getroffen und beleidigt, denn er merkt, daß nicht mehr viel von seiner Persönlichkeit übrigbleibt. Alles scheint falsch an ihm zu sein. Aber es ist immer nur das Ego, das sich gegen Entlarvung sträubt. Ein ernsthafter Sufi-Schüler sieht mit der Zeit ein, daß die Hinweise des Lehrers nötig waren, um ihn in Richtung Wahrheit zu bewegen.

Mehrdimensionales (offenes) Denken

In der Sufi-Tradition wird viel mit mystischen Erzählungen gearbeitet sowie mit klassischen Fragestellungen, welche von Sufi-Meistern weitergegeben werden. Außerdem arrangiert der Meister Situationen bzw. benutzt bereits vorhandene einfache Situationen des Alltags, die dem Schüler als Spiegel seines Verhaltens dienen und ihm unbewußte Fixierungen und Konditionierungen bewußt machen können. Diese Methodik des Spiegelns und Bewußtmachens kann als eines der wichtigen Merkmale von Sufi-Aktivitäten betrachtet werden.

Auf diese Weise lernt der Sufi-Schüler, seine automatischen Denkweisen und Handlungen zu überprüfen, und gleichzeitig entwickelt er ein immer genaueres Verständnis für die hinter der äußeren Wirklichkeit ablaufenden Zusammenhänge und Einflüsse. So bildet sich in ihm nach vielen Jahren des Studiums ein mehrdimensionales Denken heran, welches ihm ermöglicht, das Arbeiten der falschen Persönlichkeit sowie alltagsüblicher Konditionierungen und Automatismen sowohl bei sich selbst als auch bei anderen Menschen frühzeitig zu durchschauen und stattdessen dem Herzen wieder den gebührenden Vorrang einzuräumen.

Es geht auch darum, daß der Schüler lernt, selbständig zu denken und nachgeahmte Konzepte und Lebenseinstellungen, die er sich aus Erziehung und Lebenserfahrungen angeeignet hat, in Frage zu stellen. Es geht um ein offenes Denken, welches sich vom alltagsüblichen schubladenverhaften Denken komplett unterscheidet. Nur wer sich außerhalb starrer Denkweisen und Kategorienbildungen bewegen kann und eine Vielzahl verschiedener Betrachtungsweisen durchspielen kann, wird hinter die Kulissen eines Sachverhalts blicken und dessen tiefere Bedeutung begreifen können. Andererseits können ohne ein Hinterfragen und Überprüfen überkommener Denkvorgänge und Überzeugungen keine konventionellen Denkmuster erkannt und aufgedeckt werden — die Folgen wären Manipulation, Unfreiheit und jenes marionettenhafte Gebaren, das den heutigen Massenmenschen so sehr charakterisiert, ohne daß er sich dessen auch nur in Ansätzen gewahr wird. (Siehe dazu auch: die Hinweise zum Erkennen der Unterschiede zwischen Religionen und Pseudoreligionen.)

Folgende Geschichte, die aus der alten Sufi-Überlieferung stammt (aus dem Buch "Die Hautprobe" von Idries Shah), möge als Beispiel für die Wirkungsweise von Sufi-Erzählungen dienen:

Beispiel einer Sufi-Geschichte (1)


Das Eichhörnchen

Maulana Bahaudin ging mit Alaudin von Nischapur an einem grasbewachsenen Flußufer spazieren. Alaudin sagte zu ihm: "Ich verspüre den Wunsch zu erfahren, warum du im Sufismus den Menschen die Freude an so vielen Gewohnheiten nimmst. Du magst im Recht sein, und ich bin der erste, der dir zustimmt, wenn du solche Bräuche für trivial erklärst. Aber den Menschen bleibt nichts mehr, wenn du nicht zuläßt, daß deine Gesellschaft zum Quell der Freude für sie wird."
Bahaudin sagte: "Vor unseren Augen entwickelt sich gerade eine Szene. Schau zu und du hast die Antwort, wenn du fähig bist, sie zu verstehen, geschätzter Anwalt legitimer Freuden."

Ein paar kleine Jungen waren gerade vor ihren Augen ins Spiel vertieft. Sie warfen sich gegenseitig ein gefangenes Eichhörnchen zu, dem sie die Füße gebunden hatten. Wie sie so umherrannten, kreischten sie vor Lachen, Freude und Erregung stand in allen Gesichtern geschrieben. Einige Augenblicke später bemerkte ein älterer Junge ihr Tun und lief vom Wegesrand herzu. Er hob das Eichhörnchen auf, entfernte die Schnur und ließ es frei. Die Teilnehmer am Eichhörnchenspiel waren außer sich vor Wut und schrien dem älteren Jungen wüste Beschimpfungen nach.

Alaudin sagte später: "Ich bin sicher, daß ich ohne diese Demonstration niemals das Relative und die versteckten Gefahren in vermeintlich berechtigten Vergnügungen gesehen hätte. Aber von diesem Tag an, mein ganzes Leben hindurch, habe ich immer wieder festgestellt, daß das scheinbar Erstrebenswerte oft auf Kosten anderer Dinge getan wird, und daß das, was den Menschen — auch, aufrichtigen Menschen — Freude macht, manchmal den Appetit auf ganz unvermutete Laster erweckt."


Beispiele für Deutungsmöglichkeiten

Meistens haben Sufi-Geschichten mehrere Bedeutungsebenen, die sich je nach Verständnisfähigkeit und -stand des Hörers oder Lesers erschließen; außerdem haben sie die Eigenschaft, auf längere Zeit hin in mehrerlei Hinsicht zu wirken und dann erst bestimmte Aufschlüsse zu ermöglichen, je nachdem, wie sie in einem arbeiten und zur eigenen Lebenserfahrung korrespondieren. Eine Interpretationsmöglichkeit dieser Geschichte ist, daß sie beschreibt, wie schnell der Mensch aus lauter Gier nach oberflächlicher Freude sein Herz vergißt. Triviale Freuden und Gewohnheiten können den Menschen abstumpfen und ihn dazu verführen, in die falsche Richtung zu blicken.

Wichtig ist aber auch die kurze Formulierung "Alaudin sagte später": Bahaudins Exempel trifft Alaudin an einem bestimmten Punkt in seinem Leben, an dem er in seinem eigenen Verständnis vom Sinn des Lebens und von der Rolle, die scheinbare Befriedigungen dabei spielen, festgefahren ist — und außerdem leidet er daran und ist bereit, mehr und Neues zu erfahren (siehe Eingangsfrage). Nur dann, wenn einer wirklich reif zu einem neuen Anstoß ist und unter seiner bisherigen Sicht genügend stark leidet, ist er aufgeschlossen genug für einen Hinweis. Entsprechend löst die relativ alltägliche Begebenheit, aus der Bahaudins Exempel besteht, eine große, lebenslang wirkende Veränderung im Adressaten aus — eine Begebenheit, wie sie jeder, der mit offenen Augen durchs Leben geht, ständig überall antreffen kann, während zumeist aber keine tiefe Einsicht dadurch ausgelöst wird, eben weil nicht die genügende Offenheit dafür vorhanden ist.

Auf einer anderen Ebene geht es bei dieser Lehrgeschichte auch um die Rolle des Sufismus selbst in bezug auf das gewöhnliche Alltagsleben und seine unhinterfragten Bedeutungen. Der Sufismus, als Weg zu tieferer, jenseits der Alltagsroutinen und der konditionierten Reaktionsmuster empfundenen Wahrheit, wird von Menschen, die ebendiesem Alltags-Denken und -Streben verhaftet sind, als lästig und unerfreulich empfunden. Sie möchten lieber schnelle, angenehme, leicht und mühelos konsumierbare Befriedigung. Daß ihnen dabei ihr Gewissen nicht mehr so schnell schlägt, hat mit einer langjährig eingeübten und durch das Nachahmen der Gepflogenheiten der Massengesellschaft beförderten Abstumpfung zu tun. Man lebt eben nur noch so vor sich hin und tut, was alle tun. Zwischendurch kommen Zweifel und Unwohlsein auf, die aber alsbald durch wiederum oberflächliche Ablenkungen und "Unterhaltungs"-Angebote besänftigt und betäubt werden — eben jene triviale, fragwürdige und nicht wirklich erfüllende Freude, von der die Lehrgeschichte handelt und der nicht nur die Jungen, sondern auch Alaudin von Nishapur verfallen sind. Dem steht der Geschmack der Wahrheit gegenüber, als dessen Anwalt Bahaudin auftritt. Es geht hier also auch darum, ein Gespür für diesen unterschiedlichen Geschmack zu entwickeln und für sich die richtige Entscheidung zu treffen, eine Entscheidung des Herzens, das die Wahrheit höher schätzt als die vordergründige Befriedigung. Statt findet eine solche Entscheidung nicht etwa durch Willensentschluß oder Ambition, sondern dadurch, daß sich einem ein tieferes Verständnis des wirklichen Zusammenhangs der Dinge und Geschehnisse eröffnet. Hierdurch kommt es zu einer grundlegenden, das gesamte Leben beeinflussenden Umwertung und Neuausrichtung.

Beispiel einer Sufi-Geschichte (2)


Der Ring

Ein junger Mann kam zu Dhun-Nun, dem Ägypter. Er behauptete, daß die Sufis im Irrtum seien, und noch viele Dinge mehr.
Der Ägypter gab ihm zur Antwort einen Ring, den er sich mit den Worten vom Finger streifte: "Nimm diesen Ring und geh zu den Marktständen da drüben. Sieh zu, ob du ein Goldstück dafür bekommen kannst."
Er konnte auf dem ganzen Markt keinen Händler finden, der mehr als ein kleines Stück Silber dafür geboten hätte.
Der junge Mann kam mit dem Ring zurück.
"Und jetzt", sagte Dhun-Nun, "geh zum wirklichen Goldschmied und frag ihn, was er zu zahlen bereit ist."
Der Goldschmied bot eintausend Goldstücke für das Juwel.
Der junge Mann war hocherstaunt.
"Und nun, mein Sohn", sagte Dhun-Nun, "zu deiner Einschätzung der Sufis: Du verstehst gerade so viel davon, wie die Krämer da drüben von der Goldschmiedekunst. Wenn du Edelsteine schätzen willst, mußt du zum Goldschmied werden."


Bei der vorstehenden Geschichte handelt es sich nicht nur um ein Gleichnis mit mehreren Bedeutungsebenen, sondern die Erzählung verweist auch direkt auf Rolle und Funktion der Sufi-Lehre als solche. Verständnis ist keine bloß intellektuelle Eigenschaft, die sich durch einen mentalen Akt aneignen ließe, sondern um wirkliches Verständnis zu erlangen (und nicht nur Pseudo-Verständnis in Form von kopiertem und imitiertem "Informations"-Wissen), ist eine Entwicklung nötig, die das gesamte Menschsein umfaßt. Nur wer diese Entwicklung vollzieht und ihren Wert erkennt, kann das Entsprechende auch in anderen sowie in unterschiedlichen Situationen des Lebens wahrnehmen und richtig einschätzen.

Zitate

Ein Sufi ist jemand, dessen Reden mit seinen Taten in Einklang steht, dessen Schweigen seinen Zustand anzeigt und der die weltlichen Bande abwirft.
Dhun-Nun, der Ägypter (gest. 860)

Der Sufi — weder fürchtet er die Hölle noch begehrt er das Paradies.
Rabia El-Adawia (gest. 717)

Sufismus bedeutet Verzicht auf alle Freuden der vergänglichen Welt.
Abul-Hasan Nuri(gest. 907)

Ein Anhänger des Sufismus ist jemand, der mit Hilfe von Anstrengung die Stufe des Sterbens gegenüber dem Selbst und des Lebens im Angesicht der Wahrheit zu erlangen sucht. Wer dieses Ziel erreicht hat, wird Sufi genannt.
Hujwiri (11. Jh.)

Sufismus ist Wahrheit ohne Formulierung.
Ibn El-Lalali (gest. 11. Jh)

Der Sufi hat keinen Besitz, noch ist er von etwas besessen.
Nuri

Tatiana Sallaum, Gerd-Lothar Reschke, 8.3.2008, April/Mai 2008, 27.8.2008, 27.2.2010