Selbsterkenntnis

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„Wer bin ich?“

Selbsterkenntnis ist die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“

Selbsterkenntnis ist kein intellektueller, ja nicht einmal ein mentaler oder emotionaler Akt, da sie durch keinen äußerlich ablaufenden Vorgang zustandekommen oder vermittelt werden kann. Sondern sie kann nur in einem selbst stattfinden, indem man herausfindet, wer dieses „Ich“ oder „Selbst“ ist, mit dem man die Welt wahrnimmt.

Ferner gehört zur Selbsterkenntnis auch die Erkenntnis, was dieses “Ich“ oder „Selbst“ mit der „Welt“ zu tun hat und wieso immer beide zusammen, als (scheinbar) duales Gegensatzpaar, in Erscheinung treten.

Echte Religion ist die Wiederentdeckung dessen, was du wirklich bist

Selbsterkenntnis ist Praxis — nicht Theorie und nicht Ideologie oder Glaube. Wer falsche Vorstellungen davon hegt, wer er sei und wie er sei, kann von der Wahrheit nicht berührt werden. Aber wir alle hegen falsche Vorstellungen. Das menschliche Denken funktioniert nun einmal so, daß Annahmen verinnerlicht werden und die Realität überdecken, bis wir schließlich nicht mehr die Realität wahrnehmen, sondern unser vorgefertigtes Bild von ihr.

Die Bewegung der Selbsterkenntis führt dazu, daß nach und nach aufgeräumt werden kann mit diesem Falschen: mit fixierten Anschauungen, fixierten Gewohnheiten, erstarrten Denk-, Fühl- und Verhaltensmustern. Es gibt einen echten Urgrund: unser natürliches Sein. Und es gilt, diese tiefere Substanz wiederzuentdecken und wiederzuerkennen.

Man sollte sich darüber klar sein, daß Selbsterkenntis eine Sache von Jahren und Jahrzehnten ist — ja, oft mag ein ganzes Leben nicht ausreichen, um wirklich damit zurande zu kommen. Aber um Zeit geht es nicht und auch nicht um Lernen, Arbeiten oder das sogenannte Sich-Weiterentwickeln. Es geht nicht um ein Ziel; es geht um die Hinwendung der Aufmerksamkeit, der Gewahrsamkeit (und auch der Liebe, des Akzeptierens, des Verstehens) nach innen — und zwar im Jetzt.

Die Wahrheit finden

Ich frage Dich jetzt folgendes, lieber Leser: Bist Du an der Wahrheit interessiert? Ja? Dann erhebt sich aber die daran anschließende, wichtigere Aufgabe: Kannst Du die Wahrheit ertragen? Kannst Du die Wahrheit über Dich selbst ertragen? Dich selbst, wie Du Dich siehst und wahrnimmst, wenn Du Dich betrachtest — wenn Du einfach das siehst, was sich Dir zeigt, ohne es beschönigen oder dramatisieren zu wollen?

Damit ist gemeint: mit einmaligen kurzen Beobachtungen wird so gut wie nichts erreicht. Sondern es geht darum, einen Geschmack, ein Gefühl für Selbstgewahrsamkeit zu entwickeln, ja, sogar eine gewisse Routine. Das bedeutet, ein neues, ganz praktisches, ganz alltägliches Gefühl der Wahrhaftigkeit zu entdecken, wiederzuentdecken.

Hiergegen mag eingewandt werden, es fehle die positive Perspektive, die Tröstung, der neue, bessere Glaube an etwas Gutes oder Schönes. Man möchte lieber etwas Angenehmes und Beglückendes dazubekommen. "Wahrheit" — das erscheint einem zu hart, zu leer, einfach zu wenig. Bei näherem Hinsehen erscheint es negativ, und bei näherer Betrachtung und Auseinandersetzung immer noch negativer: denn was kommt da nicht alles an Unschönem zutage, wenn man sich nur einmal ein wenig darauf einläßt?

Wahrheit ist keine Bedrohung, sondern sie befreit

Wahrhaftigkeit schmeckt erst bitter, aber am Ende süß. Beglückung, die auf leichteren Auswegen beruht, schmeckt bekanntlich erst süß, nachher aber umso bitterer, und übrig bleibt das Wissen, betrogen worden zu sein. Außerdem meldet sich dann, als unerwünschte Begleiterscheinung von nunmehr unumgänglich gewordener Einsicht, die Ahnung, daß man selbst durch unlauteres Spekulieren ein gehöriges Maß an Mitverantwortung für den Fehlschlag getragen hat. Es ist immer wieder derselbe innere Zusammenhang, dieselbe alltäglich wiederkehrende Wahrheit: Du erntest, was du selbst gesät hast.

Man kann sich die Selbsterkenntnis vom Leben aufzwingen lassen (und viele wehren sich hartnäckig gegen die Lehren des Lebens, und deshalb müssen sie immer wieder dieselben Fehler wiederholen und das Scheitern ihrer Hoffnungen am eigenen Leibe erfahren), oder man wendet sich dorthin, wo der Aufschluß letztlich zu finden ist: nach innen. Was erlebt wird, ist viel weniger entscheidend als die Frage: Wer ist es, der das alles erfährt, und wer ist es, um den es hier überhaupt geht? Ist es der Körper, das mehr oder weniger schöne, attraktive Äußere? Oder ist es im Gefühl zu finden, etwa in Erfahrungen von Wohlbehagen, Glück, Zufriedenheit, Ruhe oder Erfüllung? Oder im Denken mit all seinen Schachzügen, seinen Konstrukten, Ideengebäuden und Schlußfolgerungen? Was bleibt von alledem übrig, was ist der Kern des Ganzen? Was ist es, um das sich dieses Leben in dieser Welt mit ihren Freuden und Enttäuschungen dreht?

Die Antwort darauf ist kein Satz, keine Idee, kein Konzept, sondern ein direktes inneres Wissen.

Nur das Finden der eigenen, echten, nicht nur übernommenen Antwort befriedigt

Dieses innere Wissen kann kein anderer für uns besorgen; es ist allein die Frucht unserer eigenen Nachforschungen, Bemühungen und unserer hingebungsvollen Suche nach der Antwort. In jedem Moment stellt sich die Frage in einer neuen Verkleidung, in jedem Moment kommt es darauf an, die Antwort zu finden. Diese Antwort gibt es, und sie ist dir sehr nahe. Sobald du sie gefunden hast, kennst du den Schlüssel zur Wahrheit.

Nur das ist echte Religion, echte Wiederverbindung mit der Ganzheit des Seins. Alles andere, was dir in Büchern, in den Pseudoreligionen, in sogenannten "Weltanschauungen", von Kirchenfunktionären und Pfarrern, von sogenannten wissenschaftlichern "Experten" oder sonstwo erzählt wird, ist es nicht. Gib dich nicht mit dem zufrieden, was andere dir sagen — finde es selbst heraus!

Gerd-Lothar Reschke, 26.10.2003, 8.9.2007, 16.2.2010