Selbst- und Welterkenntnis

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Überwärts und niederwärts

In Taoismus und Zen wird von einer "überwärtigen" und einer "niederwärtigen" Ausrichtung gesprochen. Erstere bezieht sich auf das unbedingte Streben nach Wahrheit und Erleuchtung. Damit löst sich der Sucher immer mehr von der äußeren Wirklichkeit, also der Erscheinungswelt, und besinnt sich konsequent auf sich selbst. Hierdurch ergibt sich ein Erkenntnisprozeß, bei dem er dem tieferen Zusammenhang zwischen Innenwelt und Außenwelt auf die Spur kommt. Gelingt es ihm, das Rätsel der Dualität von Erscheinung und Selbst (also dem Adressaten und Subjekt aller Erscheinungen) zu lösen, so gelangt er zu einer Einheitserfahrung, bei der sich das Dilemma zwischen Innerlichkeit und Äußerlichkeit als überflüssiges Mißverständnis entlarvt.

Am Ende der "überwärtigen" Entwicklung steht demnach die Einsicht, daß es gar nichts Überwärtiges, also vom gewöhnlichen Leben und Dasein Getrenntes gibt. Der "Weg" in diese Richtung, als "Weg zur Wahrheit" oder "Weg zu sich selbst", erweist sich als Phantom. Im selben Moment dieses Erkennens geschieht ein Ankommen im "niederwärtigen" Bereich, aber mit anderer, bewußterer Qualität. Dieser Bereich hat nun gleichermaßen seine Problemstellungen und Anforderungen, wie sie sich dem nicht an Selbstfindung interessierten Alltagsmenschen darstellen. In der Dualität gibt es alle Fragen und Schwierigkeiten der Dualität; es gibt Leid und Schmerz wie Freude und Befriedigung.

Die Schwierigkeit mancher Wahrheitssucher, die Erfahrungen mit dem "Überwärts" gemacht haben, besteht darin, diese Aufgabenstellungen der Dualität noch als real anzunehmen und sich ihnen verantwortlich zu stellen — da sie ja herausgefunden haben, daß es sich bei alledem um Eigenprojektion und der Substanz nach bloße Erscheinung handelt. Sie versuchen dann diese Manifestationen der Dualität durch Ignorieren zu leugnen und für sich aus der Welt zu schaffen. Erfahrene sprechen hier von der sogenannten Zen-Krankheit. Derjenige, der ihr entkommt, wird als Meister betrachtet, dessen Fähigkeit darin besteht, überwärtige und niederwärtige Perspektive in sich selbst harmonisch zu vereinen. Er lebt in beiden Bereichen, in der Dualität wie in der Nicht-Dualität, bleibt dem Selbst genauso treu, wie er dem Leben gegenüber vollverantwortlich auftritt.

Der wahre Standort und die Funktion einer Inneren Schule

Mit dem oben Gesagten klärt sich auch die Funktion und Rolle einer inneren Schule (oder auch: spirituellen Schule). Sie ist eine Unternehmung an der Grenz- oder Nahtstelle zwischen Selbst- und Welterkenntnis. Im Unterschied zur reinen Auseinandersetzung mit sich selbst, also mit dem Bereich der Nicht-Dualität, berücksichtigt sie auch die Folgen der Selbsterkenntnis für das eigene Verhalten und Handeln in der Welt, also in der Dualität. Sie nimmt die Gegebenheiten der Dualität mit in ihr Aufgabenfeld hinein, ja benutzt diese zu mehreren Zwecken: einerseits zur Förderung der Wahrheitssuche derjenigen, die in die überwärtige Richtung streben. Diese Orientierung unterstützt sie, weil sie weiß, wie wichtig, notwendig und heilsam sie ist. Andererseits berücksichtigt sie aber auch die Notwendigkeit, im Alltag "seinen Mann zu stehen" und dort nach Qualität und Klarheit zu streben (Stichwort Exzellenz).

Gerd-Lothar Reschke, 31.5.2008, 20.9.2008