Klöster in West und Ost - Schulen des Bewußtseins II

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Wegweiser

  • Teil ISpiritualität ist kein Kulturphänomen — Merkwürdige Parallelen — Warum Klöster entstanden — Zentrale Inhalte — Das Ziel
  • Teil IIDer WEG — Die Methode — Gemeinschaft des WEGES
  • Teil IIIEin anderer Ansatz — Glauben und Wissen — Veränderungen in der Form des Wissens
  • Teil IVDas Gleichnis vom Brotbacken — Moderne Kritikfähigkeit und Wissen — Eine neue Form: vollständige Integration aller Aspekte des Lebens — Schlußbemerkung
  • Teil VLektürehinweise

Teil II

Der WEG

Eine der ergreifendsten, poetischsten und schönsten Beschreibungen des mystischen WEGES findet sich im Buch von Farid ud-din Attar: Die Konferenz der Vögel. Dort werden in Form einer Fabel die Stufen dieses WEGES anschaulich erzählt, mit den Vögeln als Repräsentanten verschiedener Grundcharaktere des Menschen. Jeder dieser Charaktere hat mit anderen Hindernissen zu kämpfen. Der eine ist zu eitel und selbstverliebt — er kann sich nicht mit ganzem Herzen einbringen. Der andere ist zu sentimental und schwankend — er verliert seine Zielstrebigkeit und wird schwach. Wieder ein anderer hängt zu sehr an körperlichem Genuß — er verpaßt die weit befriedigendere Erfüllung seiner Seele. Ein weiterer hängt zu sehr an den Menschen, die er liebt; er opfert die Gotteserkenntnis und sein Selbst für seine Anhänglichkeit an andere.

Es gibt sieben Täler, die auf dieser Reise zu durchqueren ist: Das Tal der Suche, das Tal der Liebe, das Tal der Erkenntnis, das Tal der Unabhängigkeit und Loslösung, das Tal der reinen Einheit, das Tal der Verwirrung und das Tal der Armut und des Entwerdens.

Die meisten Vögel sterben auf der Reise oder kehren um. Eine harte Auslese findet statt — nur die Sucher, die wirklich bereit sind, sich aufzuopfern, und die auch die richtigen Voraussetzungen besitzen, überleben. Am Ende steht die völlige Auslöschung der am Ziel Angelangten; ihre Suche scheint mit dem Tod zu enden. Doch als sie auch das akzeptieren und bereit sind, auf jeglichen Halt endgültig zu verzichten, wird ihnen Unsterblichkeit und Einswerdung mit Gott zuteil.

Der Dichter wendet sich am Schluß an seine Leser mit den Worten:

Solange ihr euch mit den Dingen dieser Welt identifiziert, werdet ihr den Pfad nicht beschreiten. Doch, ihr Unwissenden, sobald die Welt euch nicht länger bindet, werdet ihr ihn wie im Traum betreten; und da ihr das Ziel kennt, wißt ihr um den Nutzen dieser Reise. [...]

Wißt ihr, was ihr besitzt? Zieht euch in euer Inneres zurück und sinnt darüber nach. Solange ihr eure Nichtigkeit nicht erkennt und solange ihr eurem Stolz, eurer Eitelkeit und eurer Eigenliebe nicht entsagt, werdet ihr nie die Höhen der Unsterblichkeit erreichen.

Auf dem WEG werdet ihr in Schande zu Boden geworfen und in Ehren wieder aufgehoben.

Die Methode

Je nach Kultursphäre wurden von den Gründern verschiedene Methoden entwickelt, die auf die jeweiligen Denkweisen und Wertorientierungen der Menschen zugeschnitten waren. Für einen überwiegend rationalen, intellektuellen Menschen eignet sich eine andere Methode als für einen Gefühls- oder Instinktmenschen. Der eine setzt sich mit der Welt über sein Denken auseinander und auch sein Selbstbild besteht vorwiegend aus Konzepten und Ideen. Ein solcher Mensch wird nach Wissen streben, er möchte verstehen. Daher ist er bereit, sich auf dem WEG einzusetzen mit der Motivation, tieferes Verständnis zu erlangen und die inneren Zusammenhänge des Daseins zu erforschen.

Ein anderer nimmt viel stärker über sein Gemüt und seine Gefühle wahr. Er empfindet vielleicht, daß es zu wenig Liebe in der Welt und in seinem Leben gibt, er verzweifelt an seiner Einsamkeit und ersehnt sich eine tiefere Verbindung mit dem Gesamten, eine Einheit mit all dem, wovon dem er sich getrennt fühlt. Hier ist er bereit, sich einzubringen, hier kann er am meisten Kraft mobilisieren, um seine inneren Widerstände zu überwinden.


Entsprechend gibt es drei grundverschiedene Methodiken, um das innere Ziel zu erreichen: Methodiken des Herzens, Methodiken des Körpers, Methodiken des Verstandes.

Wege des Herzens arbeiten mit dialogischer Kommunikations-Struktur und mit Schwergewicht auf Hingabe. Techniken sind: Gebet, Gesang, Atmung. Was hier zählt, ist die Hingabe an eine Person, das Sich-selbst-Zurückstellen, wie es die Liebe fordert. Bezugspersonen sind Gott, Christus oder Heilige, die angebetet werden. Dieser emotionale Bezug ermöglicht es, die eigenen Zweifel und Begrenzung durch Orientierung auf etwas Größeres aufzugeben. Die Gedanken, der Intellekt folgen hierbei dem Herzen nach.


Wege des Intellekts arbeiten mit reflektorisch beobachtender Struktur und mit Schwerpunkt auf Einsicht. Techniken sind: Meditation, Koan, nüchterne Achtsamkeit. Hier zählt nicht die Hingabe an eine Person, sondern an eine Technik, d.h. der Verstand wird durch die Technik aus den Angeln gehoben und tiefere Gefühlsschichten kommen hierdurch nach vorne. Am Ende führt die Technik zu einem Auflösen des Fundaments, auf dem sie steht, nämlich des Verstandes selbst — nichts Gewohntes bleibt mehr übrig, alle Worte werden sinnlos, und nur noch das reine Bewußtsein existiert.


Wege des Körpers arbeiten individuell, also ohne Kommunikations-Struktur, und mit Schwergewicht auf der Überwindung innerer physischer Widerstände. Techniken sind: Fakiristische Übungen, Körperkontrolle, Selbstdisziplinierung. Dieses Verfahren ist einsam und sehr hart. Körperdisziplinierung orientiert sich an konkreten Tatsachen und arbeitet sich millimeterweise voran; hierdurch wird sowohl der Verstand als auch das Gefühl beeinflußt. Am Ende erhebt sich aber die Frage, ob die Bezogenheit auf das falsche Selbst nicht noch verstärkt wird; wohl nur durch ein Zusammenbrechen infolge totaler Erschöpfung oder Resignation ist eine Durchbruchserfahrung möglich.


Diese Systematik dient nur der einfacheren Veranschaulichung; im konkreten Fall gehen die verschiedenen Ansätze fließend ineinander über, denn wer z.B. eine meditative Technik anwendet, benötigt auch Gefühl und Hingabebereitschaft, um sich wirklich einzusetzen.

Die Gemeinschaft des WEGES

Klöster sind Einrichtungen zur gegenseitigen Hilfe auf dem WEG zum inneren Ziel; dies ist ihr grundsätzlicher Sinn, ganz abgesehen davon, wie erfolgreich und effektiv sie ihre Aufgabe lösten oder noch lösen. Die Untersuchung von Klosterformen und zugrundeliegenden geistigen Botschaften, von in Klöstern eingesetzten Methodiken und Organisationsformen führt zu verblüffenden Übereinstimmungen, die auf eine allen gemeinsame Einsicht in die "Technik" der Selbstentwicklung hin zum "Höheren Menschen" hindeuten. Überwindet man die starr fixierte Begrifflichkeit der einzelnen religiösen Dogmatik, so zeigt sich eine zugrundeliegende tiefere Wahrheit.


Wir finden an Klöstern in West und Ost, äußerlich betrachtet, immer dieselben ähnlichen Merkmale:

  • Vom übrigen Alltagsleben abgeschiedene Gebäude,
  • strenge Regelmäßigkeit des Tagesablaufs,
  • Hierarchie von Leitenden und angeleitet Praktizierenden bzw. Lernenden,
  • Kargheit, Konzentration auf das Wesentliche
  • Ruhe, Stille
  • eine bestimmte praktische Methode, bestehend aus
    • den Übungen:
      Gebet, Meditation, Tänze, Gesänge (Laut- und Atem-Übungen, Riten, Schrift-Studium)
    • der Alltagsdisziplin:
      Alltag als Übung: Hausarbeit, Feldarbeit usw.


Diese Methode ist der Kern der praktischen Arbeit. Im wesentlichen dient alles übrige der Methode. Man kann das mit einem Fußballverein vergleichen: Zweck des Ganzen ist, zu erreichen, daß die Mannschaft des Vereins im Spiel gewinnt, daß sie gut ist in dem Metier, um das es geht, nämlich Fußball. Dazu die Organisation, das Training, sämtliche Abläufe und Vorkehrungen. Trainer, Übungsgelände, Umkleideräume usw. — alles das dient nicht der Dekoration, nicht irgendeinem Selbstzweck, sondern dem Hauptzweck.

Ganz ähnlich die Klöster: Auch hier geht es nicht um schöne Architektur, um den Stolz der Oberen, um Geselligkeit oder dergleichen, sondern um ein bestimmtes Ziel: das innere Ziel. So wird verständlich, warum Klöster genau so und nicht anders angelegt und organisiert wurden. Der regelmäßige Ablauf dient dazu, daß die Mönche einen inneren Freiraum bekommen für die Auseinandersetzung mit dem inneren Ziel. Die Regelmäßigkeit, die Verläßlichkeit der vorgegebenen Struktur führt zu innerer Gelassenheit; man wird nicht mehr als nötig abgelenkt.


Klöster waren Universitäten (im Sinne ganzheitlicher Ausbildung), um derartige Prinzipien praktisch zu studieren. Im Laufe der Geschichte gab es eine fortschreitende Weiterentwicklung der Übermittlung des von den Gründern mitgegebenen Wissens. Über die Jahrhunderte existierte eine Kette der Überlieferung der praktischen Lehre von Lehrer (Meister) zu Schüler. Die von Schülern zu Meistern Gewordenen gründeten neue Institutionen und Organisationen und entwickelten z.T. auch neue Methodiken:

Beispiele für Heilige, Ordensgründer

Kulturelle Wirkungen



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Gerd-Lothar Reschke, 15.7.1997