Janwillem van de Wetering: Der leere Spiegel

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Erfahrungen in einem japanischen Zen-Kloster


Erste Eindrücke bei der Lektüre

Das Buch ist sehr direkt geschrieben und leicht zu lesen. Es lebt von dieser unverstellten Ehrlichkeit. Teilweise spielt der Autor auch ein wenig mit seiner Lockerheit und Naivität, aber gerade das macht es auch authentisch. Er beschreibt die Vorgänge, als er seiner Sehnsucht folgte, um in einem Zen-Kloster mit der Wahrheit in Berührung zu kommen.

Interessant ist die anfangs beschriebene Begebenheit mit einem Philosophieprofessor, der ihm den Rat zu einer mystischen Schulung gibt, denn in der Philosophie sei alles nur Vermutung, kein echtes, handfestes Wissen. Mich verblüffte, daß ein Mensch sich darüber so klar sein kann, es aber trotzdem ablehnt, dem selbst zu folgen.

Die Darstellung des Klosteralltags

Die Probleme des Autors mit dem harten Klosteralltag sind sehr deutlich beschrieben und man bekommt einen unromantischen Einblick. Durch Geschichten von kleinen alltäglichen Begebenheiten entsteht ein deutliches Bild von Buddhismus und Zen, die beide eigentlich nichts miteinander zu tun haben, sondern nebeneinander bestehen. So, wie die beiden Arten von Einflüssen (bewußt bzw. im Kern bewußt, aber für das normale Leben bestimmt): Einerseits der Zen-Meister als Kern und die Religion mit ihren Riten, Gebräuchen, Tempel und Priester.

Im ganzen kommen mir aber viele Klosterregeln sehr strikt und teils übermäßig hart vor. Vor allem das stunden- und tagelange Meditieren ist grausam. Außerdem schlafen die meisten dabei sowieso oder träumen vor sich hin.

Das erinnert mich an die Unterscheidung aus dem Ouspensky-Buch zwischen dem Weg des Yogi und des schlauen Menschen. Wenn einer in einem Kloster seine Persönlichkeit „gebrochen“ hat, denn so kommt es mir vor, dann braucht er wahrscheinlich lange, bis er sich überhaupt wieder im normalen Leben zurechtfindet. Das ganze Verständnis, wie er damit lebt, muß er dann nachholen.

Besonders berührte mich an dem Buch, wie die anfangs noch locker-lässige Lebenseinstellung des Autors immer wieder zerstört wird. Dagegen fand ich befremdlich, daß ständig geraucht wird.

Veränderungen durch Wahrheitssuche

Es werden viele Situationen beschrieben, die ich selbst im Zusammenhang mit Wahrheitssuche schon kennengelernt habe: Ernüchterung, Zweifel, Freude, Scham, Enttäuschung, Erleichterung, Auftrieb, Absacken usw. Ich merke auch, wie schnell ich mir früher eine bestimmte Vorstellung geschaffen habe von dem, was Zen oder irgendeine andere Lehre sei, und wie verschieden und widersprüchlich diese Vorstellung nach einiger Zeit aussieht.

Das eigentlich Wichtige in dem Buch sind die hintergründigeren Zusammenhänge, die nur zwischen den Zeilen stehen und nicht direkt thematisiert sind. Die Reaktionen des Autors zeigen einem typische Muster, die man von sich selbst kennt, und die gar nicht einzigartig sind, sondern einfach nur Nachahmungen und gelernt. Nur in seltenen Momenten scheinen sich winzige Ergebnisse der Schulung zu zeigen, wenn der Autor eine andere Haltung annimmt und Beschreibungen aus einer neuen Sichtweise bringt.

Den Zen-Meister beschreibt er so, daß eine große Kraft von ihm ausströmt. Interessant ist auch, daß er den Meister und den Klostervorsteher wie maskiert empfindet. Ich hatte ebenfalls einmal diesen Eindruck, daß nämlich jemand, der sich über seine Funktionen ganz im klaren ist, jeden Moment anders reagieren kann. Es ist die konsequente Art, jeden Moment neu zu empfinden und ganz auf sich und seine Reaktionen zu hören, statt sich in vorgeschriebenen Bahnen von Gepflogenheiten und Gewohnheiten zu bewegen.

Lektüre

Marco Holmer, 7.11.2007