Unterdrückte Sexualität

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Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung über Vorurteile, Schocks und Umdenken

Es ist bekannt, daß das Thema ein heikles und umstrittenes ist. Die folgenden Ausführungen mögen auf manchen Leser willkürlich und plakativ wirken; dies ist aber nur der äußere Anschein. Es steckt eine eingehende und gründliche Auseinandersetzung mit den Hintergründen dessen, was in der Öffentlichkeit völlig unzureichend und oberflächlich bis verzerrend behandelt wird, dahinter.

Damit, daß man als einzelner Mensch nur guten Willens ist, bereit zu neuen Erfahrungen und aufgeschlossen zu neuen Begegnungen, ist es leider nicht getan — obwohl das im Einzelfall immer die beste Herangehensweise ist. Es reicht nicht nur, eigene Hemmungen oder Schüchternheit niederzuringen, es reicht auch nicht, in Schablonen von "männlich/weiblich" oder "männlicher/weiblicher werden" zu denken. Hier soll auch keiner bestimmten Seite, Männern oder Frauen, eine "Schuld" zugewiesen werden. Der Einzelne hat — auch wenn sich viele, angesichts der beschriebenen Unzulänglichkeiten und Bitterkeiten, sehr wohl schuldig fühlen und lebenslang darunter leiden — keine Schuld. Sondern eine wirkliche Aufklärung, die von solcher privat empfundenen und schuldlos übernommenen Schuld befreien kann, sie besteht eben genau darin, den Zusammenhang, dem wir alle ausgeliefert sind, ans Licht zu bringen, und dann, mit Unterstützung dieses Lichtes, neu hinzuschauen. Es geht wohlgemerkt ums Hinschauen, nicht um irgendein allgemeines, bloß in die Zukunft gerichtetes Politisieren.

Eine genaue "beweisende" Argumentationsführung ist hier aus Platzgründen und aus Gründen der Bündigkeit und Verdichtung nicht vorgesehen. Wer sich näher — und jenseits der öffentlichen Vorurteile — mit dem Thema vertraut machen möchte, dem sei dringend eine nähere Auseinandersetzung mit den Arbeiten von Wilhelm Reich (leider vergriffenes Buch: "Christusmord"; einiges Texte sind noch erhältlich; auch im Internet findet sich einiges) und den Schriften von Otto Mainzer (Roman "Prometheus", Sachbuch "Die sexuelle Zwangswirtschaft": beide leider vergriffen, aber in Büchereien und antiquarisch erhältlich) nahegelegt. Auch Osho (alias Bhagwan Shree Rajneesh) hat in seinen Vorträgen viele Anregungen zur Überwindung von Zwangsmoral und Prüderie geliefert (etliches davon auch in Taschenbuchform verfügbar) .

Davon abgesehen sollten alle einzelnen Aussagen durch eigene Beobachtung überprüft werden, und zwar unvoreingenommen, undogmatisch und anhand konkreter Einzelfälle. Meine Aussagen fassen derartige Betrachtungen im Ergebnis zusammen und bringen dieses in eine knappe, griffige Form — man muß sich aber länger und eingehender damit beschäftigen, um alles nachvollziehen und verifizieren zu können. Vorbedingung ist aber in jedem Fall, sich von den vorgeprägten, von Kindheit an eingeimpften alltagsüblichen Sichtweisen freizumachen.

Wer bereit und fähig zu einem solchen Umdenken ist, wird hier aber auch bei erster Lektüre schon einiges Interessante, das er so noch nicht berücksichtigt hat, antreffen können.

Beschreibung der Blockade und Energiestörung

Sexuelle Erpressung

Die unterdrückte Sexualität ist der wichtigste konstituierende Faktor des heutigen Gesellschafts- und Kulturlebens. Im folgenden wird der genaue Zusammenhang und Hintergrund dieser Situation erläutert.

Lebenskraft, Sexualität und Lustempfindung

Wir könnten hier eine Unterscheidung zwischen Lebenskraft und Sexualität vornehmen und dann Störungen der Lebenskraft separat und unter Ausblendung der sexuellen Problematik untersuchen — nur würden wir damit wieder in die Falle des grundlegenden Tabus gehen, wie es in den heutigen modernen Massengesellschaften eisern und unerbittlich vorherrscht: daß es überhaupt möglich wäre, beides voneinander zu trennen und dann getrennt voneinander zu untersuchen (wobei dann meistens Sexualität als geringwertig und eher bedeutungslos an den Rand gedrängt und früher oder später ganz ausgegrenzt wird).

Es ist nicht möglich, beides zu trennen, weil nämlich beides mit Lust zu tun hat: der ungehemmte, angstfreie, störungsfreie Fluß der Lebenskraft wird von jeglichem natürlichen Lebewesen als lustvoll und beglückend empfunden. Lebenskraft ist nicht einfach empfindungsloser und wertfreier Ausdruck physikalischer Energien, sondern Vehikel einer tieferen Erfahrung, die in den Sinnen stattfindet und damit auch im Körper.

Knapphaltung als Instrument scheinbarer Herrschaft

Daß Frauen sich zwar erotisch präsentieren, der konkreten körperlichen Annäherung jedoch entziehen und sich stattdessen zum unerreichbaren Objekt der männlichen Begierde machen, führt zu einer Blockade der Lebenskraft und damit zu einer Störung des Lebenskontinuums.

Wichtig ist, zu verstehen, daß Frauen dies nicht bewußt beabsichtigen, sondern daß sie sich durch ihr Denken und Verhalten zum Vehikel einer allgemeinen Verfälschung natürlicher Instinkte und Bedürfnisse machen: sie sind somit nur Ausführungsorgane einer herrschenden Ideologie, die wiederum primär patriarchalisch geprägt ist. Die Knapphaltung erzeugt den Anschein von Kontrolle, wie ihn das patriarchalische Denken als Unterfütterung seines neurotischen Herrschaftswahns benötigt. Der ursprünglich frei fließende und nicht greifbare Strom der Lebensenergie wird durch die Stockung zum Objekt und kann dann sowohl als Ware wie auch als Erpressungsmittel mißbraucht werden.

Jede Beziehung basiert auf Handel

Frauen, die anläßlich des ursprünglichen Kontaktwunsches Bedingungen und Prüfungen des Gegenübers einschieben, machen aus sich und ihrer Zärtlichkeit einen Gegenstand des Handels. Als bekannteste Manifestation dieses Vorgangs wird gemeinhin die Prostitution betrachtet; dabei wird angenommen, die gesellschaftlich und traditionell-kirchlich abgesegneten Formen der Sexualität wie etwa in Ehe und Familie wären prinzipiell davon verschieden. Tatsache ist aber, daß wir es hierbei sogar mit noch ausgeprägteren Formen des Handels und des Besitzdenkens zu tun haben.

Wer mit diesen Aussagen Schwierigkeiten hat, sollte sich als erstes die Voraussetzungen sexueller (aber auch aller sonstigen Arten von) Beziehungen verdeutlichen: Beziehungen ohne einen Handel — ob er nun offen ausgesprochen wird oder nicht — kann es allein schon deshalb nicht geben, weil Beziehungen ihrer grundsätzlichen Natur (und Definition) nach über den spontanen Kontaktwunsch hinausgehen. Worin besteht nun dieser fragliche Zusatzaspekt? Im Element von Kontrolle, etwa als Besitzanspruch, als Erwartung auf Sicherheit und Verläßlichkeit (so etwas wird dann gemeinhin als "Treue" bezeichnet).

Was üblicherweise als Prostitution bezeichnet wird, das ist nur der offenere und ehrliche Ausdruck dieses Denkens; durch die einmalige finanzielle Bezahlung von gewährtem sexuellem Kontakt wird der Vorgang klar, eindeutig und überschaubar. Bei Ehe oder eheähnlicher Beziehung (die im Prinzip dasselbe ist und bloß einer modischen Illusion von größerer Freiheit und Aufgeklärtheit entgegenkommt) findet ebenfalls Prostitution statt, aber in einer von der Gesellschaft und Kultur bis aufs Feinste und Dichteste kaschierten Form. Das Tabu, um das es hier geht, darf nicht enttarnt werden, nämlich daß hier der Handel und das damit verbundene Kontrolldenken erst richtig zum Tragen kommt.

Die Folgen

Folge der sexuellen Erpressung und Knapphaltung ist gestaute sexuelle Energie (bzw. gestaute Lebenskraft). Die Stauung führt zur Vergiftung, zu Bitterkeit und zu Neurosen. Weitere Folgen sind nach innen (gegen sich selbst) und nach außen (gegen andere) gerichtete Aggressionen.

Dies alles käme nicht vor, wäre es nicht von bestimmten maßgeblichen Interessen- und Einflußkreisen erwünscht, denn diese sind an den "Früchten" des Staus beträchlich interessiert. Die Konsumwirtschaft der modernen Zivilisation ist ohne Frustration und Gier nach Ersatzbefriedigung in ihren heutigen Auswüchsen gar nicht vorstellbar. Ähnlich verhält es sich mit einer weiteren Abfuhr des Energiestaus im Bereich des politischen und religiösen Fanatismus sowie in deren schlußendlichem Stadium, der Kriegsführung. Folter, Unterdrückung von ethnischen und religiösen Minderheiten und viele weitere politische Krankhaftigkeiten bilden hierzu das Vorstadium.

Der Lebensfluß wird zu Geld als Tauschform des erstarrten Lebensflusses umgewandelt. Geldakkumulation und Kaufhandlung sind dann der Ersatz für die nicht mehr zustandekommende Spontanhandlung des freudigen, widerstandslosen, angstfreien und vertrauensvollen Sich-Gebens an das Leben.

Vergeistigung

Auch Vergeistigung ist Folge besagter Stauung sexueller Energie. Die Kultur, speziell deren intellektueller Bereich, glorifiziert Vergeistigung und stellt sie in gewisser Weise als Lösung und als höhere Form des Ausdrucks von Lebenskraft dar. Auch hier steckt wieder das Tabu von Kontrolle und Herrschaft dahinter, nur verlagert auf den mentalen Bereich.

Ein auf den Intellekt reduzierter Wissenschaftsbegriff und die hiervon beförderten Technikfortschritte suggerieren zunehmende Möglichkeiten des Menschen, aber es handelt sich dabei um bloße, für sich gesehen tote und sogar energielose Instrumente, die gleichermaßen Schaden wie Nutzen anrichten können. Der kurzsichtige Vorsatz, sich ausschließlich auf den Nutzen zu konzentrieren, ignoriert wieder die zugrundeliegende menschliche Interessen- und Gefühlslage, die untrennbar mit der Erfüllung elementarer emotionaler und sexueller Bedürfnisse verbunden ist. Bleibt diese Ebene ungelöst, so erweisen sich Vergeistigung und Abstraktion ebenfalls nur als Irrwege, die keine echte Lösung bieten können.

Lösung durch Entblockierung

Verzicht auf sexuelle Erpressung führt zur unmittelbaren Abnahme von Frustration und damit auch zur Abnahme der bekannten, in der herkömmlichen Gesellschaft als unabänderlich und schicksalhaft betrachteten Degenerationsformen wie Gewalttätigkeit, Kriminalität, Depression und vielen weiteren Krisen.

Sein dürfen, wie man schon ist

Oben, in der Vorbemerkung, wurde bereits auf Schuld und Schuldgefühle verwiesen. Beides entsteht durch den bei einem selbst gewachsenen, sich selbst verstärkenden und von außen bestärkten Eindruck, man müsse anders sein oder anders werden, als man ist, und man müsse anders fühlen, als man fühlt — ganz zu schweigen davon, daß man sich anders verhalten solle. Als käme sexuelle Befriedigung nur dadurch zustande, daß man sich selbst eine Rolle abverlangt! So zu denken ist ein typisches Kennzeichen der Lügenmoral und des strikten Kulturkanons der sexuellen Unterdrückung.

Das Gegenteil trifft zu: Freigesetzte Lebenskraft ist nichts anderes, als daß man der ist, der man immer schon war, das fühlt, was man spontan und unverfälscht fühlt, und sich so gibt, wie es einem zwanglos und natürlich erscheint. Dies setzt aber einen nichtprüden und zwanglosen Umgang der Menschen untereinander voraus. Und es reicht eben nicht, wenn nur einzelne das versuchen oder wenn sie sich in isolierten, nach außen abgekapselten Freiräumen solche Möglichkeiten schaffen, sondern es hängt vom allgemeinen gesellschaftlichen und kulturellen Klima der Offenheit und Akzeptanz (eigener natürlicher Bedürfnisse genau wie natürlicher Bedürfnisse anderer) ab, ob dies zustandekommt. Jeder reagiert hier auf das Ganze, und alle reagieren wiederum aufeinander und miteinander.

Gerd-Lothar Reschke, Frühjahr 1998
Persönliche Werkzeuge