Lehrer und Meister

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Inhaltsverzeichnis

Klärung zu Mißverständnissen und Fehldeutungen

Lehrer

Die Rolle des Lehrers in einer Inneren Schule ist anders als die Lehrerrolle im gewöhnlichen Leben. Während im zweiten Fall etwas hinzukommt (es wird etwas gelernt, will heißen: es werden Wissen und Fähigkeiten erworben und als Möglichkeiten für eine vorausgedachte Zukunft gespeichert), wird im ersten Fall etwas aufgegeben, nämlich die falsche Ich-Vorstellung und alle mit ihr zusammenhängenden Konditionierungen der Person. Diese Art Lehrer ist also eher ein „Ent-Leerer“.

Schüler

Schüler ist, bei wem sich vor Begegnung mit Innerer Schule und Lehrer ein Magnetisches Zentrum gebildet hat, wer also weiß, daß er sich unterordnen und nachgeben muß, um von eigenen Beschränkungen, die er aus eigenem Wollen nicht loswerden kann, frei zu werden. Und wer deshalb bereit und willens ist, sich dem Einfluß eines Lehrers bzw. einer Inneren Schule auszusetzen, um sich seiner Selbsttäuschungen und falschen Identifikationen besser gewahr zu werden.

Meister

Meister ist im eigentlichen Wortsinn einer, der sein Handwerk beherrscht, nicht, wie in einer ego-orientierten Wettbewerbs-, Ranglisten- und Neid-Gesellschaft, ein „Deutscher Meister“, „Europameister“ oder „Weltmeister“, also die „Nummer 1“ irgendeines öffentlichen Unterhaltungsereignisses. Im Bereich der Selbsterkenntnis beinhaltet das eine sehr elementare Fähigkeit: nämlich den Übergang bzw. die Nahtstelle zwischen Nichtdualität (Einheit, Ganzheit des Seins) und Dualität (Welt, Probleme in und mit der Welt, Umgang mit anderen und mit Kultur und Gesellschaft) zu meistern. Mit anderen Worten: Neben dem Streben nach und Erkennen von Nichtdualität — man nennt das auch die überwärtige Richtung — gehört auch das voll verantwortliche Bestehen in der alltäglichen Wirklichkeit (niederwärtige Richtung) mit dazu.

Der Meister ist also, wie der Schamane, ein Vermittler zwischen beiden Aspekten des Seins. Nur wenn er das ist, kann er auch Innerer Lehrer sein.

"Verwirklichte", "Erleuchtete"

Nach einem gängigen Klischee der populären Esoterik- und New-Age-Szene gibt es sogenannte „Verwirklichte“ oder „Erleuchtete“ als Personen, die sich angeblich durch besondere Fähigkeiten von anderen unterscheiden. Hierzu ist wichtig zu verstehen, daß auch nach einer Erfahrung von Nichtdualität nichts Neues zustandekommt, eben weil Nichtdualität ohnehin gegeben und die zugrundeliegende Realität des Seins ist. Die Nichtdualität bedeutet nichts anderes als die Erkenntnis der Tatsache, daß es kein individuelles Ich gibt, sondern daß das, was für ein solches Ich oder Selbst gehalten wird, nur eine falsche Vorstellung ist, die in der Kindheit angenommen und dann immer mehr ausgebaut wurde. Die Auffassung, man hätte bei einer inneren Erfahrung etwas Neues erlebt, wird aber von ebendieser falschen Ich-Vorstellung allzu gerne und schnell propagiert, wodurch sie sich erst recht als starr und uneinsichtig zementiert. (Gurdjieff nennt diesen Menschentyp Hasnamuss, also einen, der eine tiefe Einsicht hatte und diese dann aus Gründen der Eitelkeit und des Machtstrebens mißbraucht.)

Derselbe Irrtum gilt spiegelbildlich auch für diejenigen, die solche Menschen nun als Idole verehren oder „genauso wie sie“ werden wollen — sie gehen ebenfalls in die entsprechende Falle eines falschen Konzepts. Es wird dann ebenfalls danach gestrebt, jemand anderer zu werden (weiser, besser, wissender, bewußter usw.), womit wiederum ein grundlegender Mechanismus des Ego-Strebens in Gang gesetzt wird. Dieses Ego-Streben nach „Erleuchtung“ oder „Verwirklichung“ oder auch „Erwachen“ kann mit gutem Recht als extremste (und letzte) Stufe der Ego-Verhärtung bezeichnet werden.

Erleuchtung und Verwirklichung (oder Selbst-Verwirklichung) gibt es nicht nur, sondern sie sind das Selbstverständlichste, was es überhaupt gibt, eben weil sie der natürliche Ausgangszustand allen Seins sind. Aber sie sind keine Eigenschaft, die ein individuelles Ich sich als Attribut zuschreiben könnte. Versucht es das, geht es nur in die Falle der eigenen Wahnvorstellung und bestraft sich zugleich selbst, meistens indem es unerfüllbare Ansprüche an sich stellt und sich damit lebenslang abmüht.

Die Lehrer-Schüler-Interaktion

Wenn ein Schüler von einem Guru akzeptiert wird, sollte er gegenüber dem Lehrer voller vertrauensvoller Offenheit und Hingabe sein. Dies sind die beiden Bedingungen, ohne welche spirituelle Führung niemals möglich ist. Und gerade an dieser Stelle machen es sich westliche Schüler oft selbst schwer, weil sie sich selbst nicht dazu bringen können, diese Bedingungen zu erfüllen. Selbst dann, wenn sie die Liebe zu ihrem Lehrer bekennen, verteidigen sie dennoch ihre Meinung und ihren Standpunkt.

Ein Guru ist nicht dazu da, uns mit „Samthandschuhen“ anzufassen und es uns so bequem wie möglich zu machen. Statt dessen will er unser persönliches Erkennen und unser persönliches Wachstum fördern. Er will uns nicht lehren, sondern inspirieren. Aber er will seine Schüler auch von der Anhaftung an ihre Meinungen, Urteile und Dogmen befreien. Das ist oft ein schmerzhafter Prozeß.
Lama Govinda: A Living Buddhism for the West


Gerd-Lothar Reschke, 31.5.2008
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