Erleuchtung

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Inhaltsverzeichnis

Die Grunderfahrung

Erleuchtung ist die Erfahrung, nicht die Wahrnehmungen und Erlebnisse zu sein, die sich jeweils ereignen, sondern quasi dahinterzustehen und zu spüren bzw. zu betrachten, wie diese ablaufen. Es findet also eine Abtrennung von der alltagsüblichen und bei den allermeisten Menschen als dauerhafte Norm erfahrene Identifikation mit sich selbst, dem eigenen Ich, dem eigenen Körper und Geist statt.

Dieses Herausfallen aus dem Zustand der Identifizierung mit innerem wie äußerem Geschehen läßt sich nicht absichtlich oder willentlich hervorrufen. Es hat auch nichts mit sogenannten charakterlichen (oder spirituellen) Qualitäten oder Eigenschaften zu tun. Erleuchtung bedeutet nicht, auf der Ebene des Handelns oder Seins weiser, abgeklärter oder "wissender" zu sein. Ganz im Gegenteil: Vor dem Hintergrund der Erleuchtung läuft bei dem, der sich seiner Unabhängigkeit vom phänomenalen Geschehen gewahr ist, nicht nur genau dasselbe Alltagserleben mit allen Irrtümern und aller Unfähigkeit zur "Verbesserung" ab wie bei jedem anderen Menschen, sondern es ist ihm in seinem Zustand auch gar nicht mehr möglich, die im Durchschnittsleben so üblichen und hochgelobten Ziele, Ideale, Lösungskonzepte und Moralvorstellungen zu hegen oder an neue, menschengemachte Erklärungssysteme zu glauben.

Verschwinden der Illusion eines "Handelnden"

Dieser Zustand ist gleichbedeutend mit dem Wissen, nicht "der Handelnde" zu sein, der etwas absichtlich tut oder beeinflußt. Denn alles, was gemeinhin unter "Ich" verstanden wird, ist ebenso Teil des gesamten Geschehens.

Philosophische Scheinprobleme

All diese Beschreibungen dürfen nicht verwechselt werden mit den im gewöhnlichen Geistesleben diskutierten Fragen von "freiem Willen", "freier Selbstbestimmung" einerseits und Fatalismus, also Schicksalsergebenheit und den damit einhergehenden Tendenzen zur Passivität andererseits. Hierbei handelt es sich um philosophische Scheinwidersprüche, die nur auf der Ebene von Nicht-Erleuchtung, also von Identifikation mit einem separaten Ich oder Selbst als Person (Körper, Geist oder Seele) auftreten und direkte Folge davon sind. Sich zu überlegen, auf welcher Seite man steht oder wie man leben will (oder sollte), ist von vornherein eine müßige und unfruchtbare Beschäftigung, weil alles derartige Denken auf einer nicht vorhandenen Grundlage steht.

Spirituelle Scheinprobleme

Erleuchtung kann man auch nicht üben (z.B. durch strebsames Ausführen von Übungen oder Techniken) oder erreichen, weil es sich bei ihr um eine ständige, nie verlorene Grundlage des Seins handelt. Etwa dem weißen Papier oder Bildschirmhintergrund vergleichbar, der niemals bewußt wahrgenommen wird, weil die Aufmerksamkeit immer auf die Schrift oder die Bilder gerichtet ist, die auf diesem Hintergrund erscheinen. Gleichzeitig benötigen sie ihn aber, weil sie sonst eben gar nicht in Erscheinung treten könnten. Er ist das Selbstverständlichste und zugleich das am meisten Vergessene überhaupt. Genauso ist Erleuchtung immer da, aber das am meisten Vergessene und Verdrängte. Dorthin über irgendwelche "Wege" zurückkehren zu wollen ist natürlich absurd.

Die übliche Auffassung von Spiritualität (siehe auch den Modebegriff "Esoterik") ist also ein Indiz für Abirren und Selbsttäuschung, und gleichzeitig ist auch diese Art des Denkens wieder ein Kennzeichen der für die Durchschnittsmenschen unserer Kultur so typischen ego/ich-fixierten Einstellung.

Gerd-Lothar Reschke, 17.9.2008
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